Neue Projektpartnerschaften für «Velos für Afrika» und die Recycling-Werkstätten Gump- & Drahtesel Liebefeld: Im Frühsommer 2009 wird ein erster Container voller Schweizer Velos für die St. Paul’s Technical School SPATS Kukurantumi in den Hafen der ghanaischen Stadt Tema verschifft.
In Kukurantumi begleitet und betreut die Berner Fachhochschule für Architektur, Holz und Bau BFH im Auftrag einer Schweizer Stiftung die Erweiterung des Ausbildungsangebots und die Entwicklung neuer Dienstleistungen und Produktionsbereiche. Künftig werden im SPATS-District Mechanik Velomechaniker ausgebildet, Velos repariert und verkauft. Gump- & Drahtesel und Velos für Afrika schicken mit den ersten Velos auch einen Ausbildner temporär nach Ghana.
In Kukurantumi wird schon emsig gebaut. Die offene Werkstatt für das neue Velomechanik-Projekt steht. Das alte Gebäude als Zwischenlager ist reserviert. Und der erste Container mit Velos aus der Schweiz soll als Lagerraum auf dem Gelände der St. Paul’s Technical School SPATS stehen bleiben. Er wird im Frühsommer erwartet. Verschifft von Gump- & Drahtesel aus Bern-Liebefeld in den grössten Hafen von Ghana, nach Tema. Von dort wird der wuchtige 40-Fuss-Container mit dem Lastwagen nach Kukurantumi gefahren. Gut gefüllt mit rund 450 Schweizer Recycling-Velos, Ersatzmaterial und Installationen für die Werkstatt. Sehr zur Freude von Brother Peter Edze, dem Leiter der Schule. Die SPATS wurde in den Fünfzigerjahren von einer weltweit arbeitenden Mission gegründet. Brother Peter arbeitet hier in ihrem Auftrag. Die Schule ist von Ghanas Regierung als staatliche Technikerschule anerkannt. Hier studieren rund tausend junge Leute, meist Männer. «Die SPATS bildet heute in fünf Departementen Fachleute mit einem Abschluss aus, der etwa unseren Gewerbeschulen entspricht», erklärt Kurt Wüthrich aus Biel: «Holz, Elektronik, Bau/Betonbau, Automechanik und Mechanik.»
Schweizer Hochburg in Holz
Holzingenieur Kurt Wüthrich und sein Kollege Maurice Brunner, Dozent für Baustatik an der Berner Fachhochschule für Architektur, Holz und Bau BFH, arbeiten seit bald einem Jahr als Berater von Brother Peter und seinem Lehrkörper. In Biel betreuen die beiden gemeinsam mit einer Handvoll anderer Kollegen der Abteilung Forschung & Entwicklung Kooperationen im In- und Ausland. Wüthrich ist seit 2004 primär für Projektpartnerschaften in der Entwicklungszusammenarbeit zuständig. Er hat in Biel studiert und von dort aus ein erstes Praktikum in Kirgistan absolviert. Vermittelt von Balz Gfeller, dem Doyen und Mitbegründer der führenden Schweizer Holzausbildungs- und Forschungsstätte in Biel. Wüthrich: «Nach Abschluss des Studiums bin ich nach Kirgistan zurückgekehrt und habe dort sieben Jahre lang für ein Schweizer Forst- und Holzprogramm gearbeitet.» In diesen Jahren habe er oft Kollegen aus Biel als Experten beigezogen: Balz Gfeller, Urs Uehlinger oder Olivier Kubli. Mit ihnen sei dann auch die Idee zum Businessplan gereift, an der Fachhochschule die Kooperationen mit Entwicklungsländern zu konkretisieren und professionalisieren. Solche Kooperationen haben an der Schule genauso wie jene mit der hiesigen Industrie und Wirtschaft seit langem Tradition: heute spielt die Abteilung Forschung & Entwicklung jährlich rund 3-4 Millionen Franken dank angewandter Forschung und der engen Zusammenarbeit mit der heimischen Industrie, Wirtschaft und Bundesstellen ein.
Primeur in Ghana
Ein erstes Projekt in Ghana startete Wüthrich nach seinem Stellenantritt in Biel zusammen mit Kollege Maurice Brunner. Brunner ist in Kumasi, Ghana geboren. Seine Mutter ist Ghanaerin, sein Vater Schweizer. «Mein Vater ist früh gestorben, ich war damals erst 11/2-jährig. Ich habe keine Erinnerung an ihn», sagt Brunner, für den bis zu seinem Studienantritt an der ETH 1973 die Schweiz denn auch kaum ein Thema war. Den Studienplatz in Zürich wurde ihm genauso wie das nötige Stipendium von Freunden vermittelt. Nach Abschluss des Studiums kehrte er kurz nach Ghana zurück. «Diverse Militärputschs haben damals Ghanas Wirtschaft lahmgelegt. Ich wollte aber nicht tatenlos herumsitzen. Also kam ich wieder nach Zürich, um weiterzustudieren.» Maurice Brunner schrieb seine Doktorarbeit, heiratete eine Schweizerin – sie haben zwei Kinder. Er arbeitete im Auftrag der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit als Dozent an einer Uni in Tansania, bevor er 1990 in Biel als Dozent für Baustatik seine Lehr- und Forschungstätigkeit aufnahm. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit: die Statik beim Bau von Holzbrücken.
Brückenbau und Holzarten
Das auch war das Thema, mit dem die BFH beim Schweizer Nationalfonds und an der Uni von Kumasi in Ghana als erstes gemeinsam punkteten: «Unser auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt im Bereich Brückenbau und Holzarten wurde angenommen und finanziert», so Kurt Wüthrich. Ein Projekt als gute Basis, um in Ghana weitere Kreise zu ziehen. Zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Technikerschule der dortigen Holzindustrie. Die hatte sich bis anhin vorwiegend um den Sägereibereich und den Zuschnitt von Holzfabrikaten für den Export gekümmert, zeigte sich aber von einem neuen Projekt für Holzbau sehr interessiert. Kurt Wüthrich: «Wir entwickelten also gemeinsam mit dieser Technikerschule ein Projekt, mit dem wir dann bei potentiellen Schweizer Geldgebern auf Geldsuche gingen.» Unter Wüthrichs Kontaktadressen war auch jene einer Schweizer Stiftung, die auf die Anfrage aus Biel wie folgt reagierte: «Sie sind unsere Rettung!» Nächste Gespräche erhellten die freudige Botschaft umgehend: Die Stiftung hatte seit 2002 schon Projekte an der SPATS in Kukurantumi angestossen und mitfinanziert, ohne aber die erhoffte Effizienz und Nachhaltigkeit zu erreichen. Im Konzept und Vorgehen der Bieler an der anderen Schule sahen sie nun ein wirkungsvolles Modell für das eigene Engagement.
Weiterbildung als Einnahmequelle
Die Stiftung unterstützte in der Folge das Holzprojekt des BFH Teams, derweil diese sich im Auftrag der Lösungssuche an der SPATS annahm und gemeinsam mit der Schulleitung erste Meilensteine setzte und den gemeinsamen Weg in die nahe Zukunft plante. «Wir haben letztes Jahr in einer ersten Phase mit drei Bereichen angefangen: der Schule als gesamtes sowie den Fachbereichen Holz und Elektro.». Im Juni 2009 wird beispielsweise das moderne Internet-Café der Schule als IT-Dienstleistungszentrum samt Kopier- und Druckmöglichkeiten fertig gestellt und für die SPATS-Studenten sowie für externe Besuchende zugänglich. Sie bezahlen für die verschiedenen Angebote. Ziel ist es, Ausbildungsangebote und Dienstleistungen aufzubauen, mit denen die Schule zusätzliche Einahmen generieren und ihren starken Status als Technikerschule in Ghana festigen kann. «Wir kümmern uns also primär nicht oder noch nicht um die Technikerausbildung der Studenten, sondern um Weiterbildungsangebote, die von ausgebildeten Fachleuten besucht und bezahlt werden können. Die Schwerpunkte haben wir zusammen mit SPATS und vorgängig mit der ansässigen Industrie erarbeitet.» Das sei auch ganz im Sinne der Zielvorgaben der Stiftung, die mit ihrem finanziellen Engagement eine gute Weiterbildung anbietet und damit zur Entwicklung in dieser Region beitragen will. Kurt Wüthrich: «Die Menschen in diesem Teil von Ghana sollen auch befähigt werden, sich irgendwo auf dem Markt zurecht zu finden und ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.»
Schweizer Velos sind gefragt
Dazu ist übrigens das Projekt einer Velomechaniker-Ausbildung bestens geeignet, sind Wüthrich wie Brunner überzeugt: «Mit dem Verkauf und den Reparaturen von Schweizer Velos bekommen die Leute die Chance, ohne allzu grossen materiellen Aufwand, aber mit einer soliden Ausbildung selbst ein kleines Business aufzubauen.»
Das Velo fehlte übrigens vor einem halben Jahr noch auf der SPATS-Agenda der BFH. Es stand erst dann zur Diskussion, als die Stiftung für soziale Innovation und ihr Unternehmen Gump- & Drahtesel mit dem Projekt ausgerechnet jene Stiftung kontaktiert haben, die an der SPATS engagiert und mit der Berner Fachhochschule im Geschäft ist. Erste Analysen der Stiftung zeigten sofort die hohe Kompatibilität der Projekte. Sie gab bald einmal grünes Licht, die Velomechanik als Unterprojekt in die laufenden Aktivitäten einzubauen, die nötigen Mittel zu budgetieren und die Weiterentwicklung des Bereichs Mechanik der SPATS ins laufende Programm 2008-2010 aufzunehmen.
Begeisterung in Ghana
Intensive Abklärungen von Brother Peter und seinen Fachleuten Mechanik in Ghana haben rasch bestätigt, dass das Bedürfnis nach Velos und Velomechanik besonders auf dem Land gross ist. Eine Begeisterung, die für alle Beteiligten in der Schweiz unabdingbar Grundlage war, um in die konkrete Umsetzung zu gehen. Kurt Wüthrich, der eben wieder aus Ghana zurückgekehrt ist: «Sie haben an der SPATS die Vorschläge und Ideen des Gump- & Drahtesels geprüft und für machbar und sinnvoll angeschaut. Sie haben sich mit grosser Überzeugung für das Projekt entschieden und sind gleich zur Realisierung vor Ort übergegangen. Sie freuen sich auf die erste Lieferung aus der Schweiz.» Und jene, die dann die Ausbildung und Weiterbildung von Velomechanikern vor Ort betreuen müssen, freuen sich zudem auf Velomechaniker Kaspar Gyger aus der Gump- und Drahtesel-Werkstatt Liebefeld, der sie ebenfalls schon in diesem Sommer in die Materie einführen und in Velomechanik ausbilden wird. Gemeinsam werden dann auch der eigentliche Lehrgang entwickelt und die Lehr- und Handbücher erstellt.
Die «Nord-Süd»-Brücke trägt
Für Paolo Richter, Gesamtleiter Gump- und Drahtesel und Initiant der Aktion «Velos für Afrika» ist diese Kooperation mit der Stiftung, der Berner Fachhochschule und der Technikerschule in Kukurantumi ein Glücksfall: «Die Kooperation erfüllt all unsere Erwartungen und Ziele, die wir mit unserem Engagement ‚Velos für Afrika’ seit über 15 Jahren verfolgen. Die Schweizer Velos sollen im Süden nicht nur für mehr Mobilität, sondern auch zu Arbeit und Einkommen führen. Das gelingt uns mit diesem Projekt gleich mehrfach. Und wir sichern einmal mehr Arbeitsplätze für Mitarbeiter ohne Erwerbsarbeit in unseren eigenen Werkstätten und in jenen unserer Partnerbetriebe.»
Kommt hinzu, dass der allererste 40-Fuss-Container aus Liebefeld vor bald 17 Jahren auch schon nach Ghana verschifft wurde. Die Velorecycling-Werkstatt Drahtesel für Leute in der Krise und ohne Arbeit war 1993 eben eröffnet worden, als ihr Initiant Paolo Richter Besuch von Mozato, einem Freund aus Ghana bekam. Richter: «Dass wir unsere alten Velos, die im Keller standen, auch für Afrika aufbereiten und verschiffen können, war Mozatos Idee. Er sah die Drahtesel, flog zurück nach Ghana, gründete ein eigenes gemeinnütziges NGO, richtete Velowerkstätten ein und bestellte bei uns den ersten Container voller Velos.»
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