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Statt Veloschrott im Norden start-ups im Süden

Zwei Container mit je 450 Drahteseln gingen im Auftrag von HEKS Mitte September 2008 nach Eritrea. Die Recyclingwerkstätten und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz machen nicht nur Menschen mobil, sondern helfen auch mit, ein funktionierendes Velohandelsnetz aufzubauen. Das sichert Arbeit und Verdienst, sagt Felix Gnehm, Länderverantwortlicher für Eritrea und Äthiopien bei HEKS.

gump!: Wie kam es zur Zusammenarbeit im Bereich Recycling-Velos mit Gump- & Drahtesel und «Velos für Afrika»?
Felix Gnehm: Es ist nicht das erste Mal, dass HEKS einen Container voll Recycling-Velos nach Eritrea schickt. Das Projekt begann im Jahr 2004. Damals liess HEKS bereits zwei Container Velos nach Eritrea liefern, die der Gump- & Drahtesel zusammen mit sozialen Partnerbetrieben in der ganzen Schweiz gesammelt und aufbereitet hatte. Diesen September wurde wieder ein Container in Zürich beladen, zwei Wochen zuvor schon einer in Bern. Und dann ab nach Rotterdam.

Die Reise geht über Holland?
Die Container werden von Rotterdam per Schiff ans rote Meer zum Hafen der Stadt Massawa gefahren. Der einzige Hafen übrigens, der in Eritrea funktioniert. In Massawa wird die Ware am Hafen abgefertigt und von unserer Partnerorganisation Eritrean National War Disabled Veterans Association ENWDVA – eine Kriegsversehrten-Vereinigung, in Empfang genommen. Alle, die im Krieg waren und eine Kriegsverletzung oder Behinderung haben, können dieser Vereinigung beitreten.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit von HEKS mit Eritrea?
HEKS hat in Eritrea schon seit längerem Programme in der Entwicklungszusammenarbeit, die eine Konsulentin vor Ort betreut. Es ist nicht einfach, Partnerorganisationen vor Ort zu finden. Es gibt kaum NGOs. Nur wenige sind zugelassen, wie etwa die HIV-Vereinigung, eine Blindenvereinigung, eine Kriegsversehrtenvereinigung, eine Gewerkschaft oder eine kirchliche Vereinigung zur Armutsbekämpfung. Wir arbeiten mit diesen Organisationen zusammen und unterstützen drei Projekte. In zwei Projekten arbeiten wir im Bereich Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft. Im dritten Projekt streben wir eine Verringerung der Armut durch Stärkung der Zivilgesellschaft an. Mit der Kriegsversehrten-Organisation arbeiten wir schon länger zusammen. Es ist kein Gratisgeschenk, das wir mit den Recycling-Velos bereitstellen. Sie arbeiten als Organisation dafür, Einkommen für die Mitglieder zu generieren. Sie sorgen dafür, dass ihre Organisation weiterläuft und sie finanzieren die Weiterbildung.  Wir wollen einen Kreislauf schaffen, damit die Menschen in Eritrea das Geld sinnvoll  einsetzen. Wenn das gut läuft, ziehen wir das Projekt weiter. Es hängt aber auch von den Importbedingungen ab. Es muss rentieren, denn wir wollen die Velos nicht einfach verschenken, sie sollen für die Leute bezahlbar sein, obwohl das auch schwierig ist, weil die Währung Nakfa stark der Inflation und Währungsverlusten ausgesetzt ist. 

Wie ist die Bevölkerung organisiert?
Die Bevölkerung ist dörflich organisiert. Anders als bei uns verfügt sie über wenig  Infrastruktur. Zwar gibt es Velomechaniker wie bei uns, sie unterhalten aber nur ausnahmsweise feste Werkstätten. Man richtet sich einfach irgendwo ein. Die Bevölkerung lebt zu zwei Dritteln von der Landwirtschaft. Das Land ist sehr gebirgig. Eritrea ist ein Hochland mit steinigen Böden. Das Pflügen ist schwierig. Die Ernten sind gering. Der Niederschlag ist karg und unregelmässig. Das Land ist dürreanfällig. Das macht Eritreer von externer Hilfe abhängig. Das Land liegt zudem an der Küste. Dort ist es sehr heiss und es herrschen eigentlich keine guten Bedingungen für die Landwirtschaft vor.

Die Leute wandern aus oder sie suchen Arbeit  in Firmen und in der Industrie in der Stadt. Das heisst, die Landwirtschaft reicht nicht aus, um alle Leute zu beschäftigen. Deshalb versuchen wir alternative Möglichkeiten zu schaffen, Einkommen zu generieren.   

Welche landwirtschaftliche Produktion würde sich eignen?
Das Klima wäre geeignet für Mittelmeervegetation. Dafür müsste aber bewässert werden. Wenn nicht bewässert wird, dann gedeihen vor allem Hochland-Getreidesorten wie Hirse mit geringem Ertrag. Man hat Viehhaltung, also Rinder, Geissen, Schafe und Kamele. Es gibt auch nomadisch lebende Völker mit Wanderweidewirtschaft.

Was macht der Staat?
Der eritreische Staat ist an sich gut organisiert. Es ist ein kleiner Staat mit dreieinhalb Millionen Einwohnern und bezüglich der Fläche etwa dreimal so gross wie die Schweiz. Es fehlt aber an Mitteln. Der Staat hat kein Einkommen, nur wenige internationale Verbündete und er erhält sehr wenig Entwicklungsgelder. Das heisst die Schulen und das Gesundheitswesen ist nicht hochstehend, aber besser als in den umliegenden Ländern.

Es ist aber immer noch schwierig, alle Kinder in die Schule zu schicken. Die Lehrer erhalten, ähnlich wie in den anderen Ländern, zu wenig Lohn. Vor allem in ländlichen Gegenden mangelt es häufig an der Infrastruktur. Schulen sind in Baracken ohne Windschutz untergebracht. Die Kinder sitzen am Boden oder auf engem Raum mit bis zu 130 Kindern in einem Schulzimmer beisammen.

Wie sind die Wohnverhältnisse?
Im Hochland werden vor allem Steinhäuser gebaut für Grossfamilien, drei Generationen unter einem Dach. In der Stadt ist es ähnlich wie bei uns, wo vor allem die Kernfamilie zusammenwohnt. Und im Tiefland werden häufig Rundhäuser gebaut mit Strohdach, die nicht so dauerhaft sind. Oder es werden sogar nur Zelte errichtet, weil die Menschen zweimal im Jahr mit ihrem Kamel in etwas weniger heisse Gebiete weiterziehen.

Wie kommen die Velos aus der Schweiz unter die Leute?
Es gibt zwei Wege der Nutzung: Die Recycling-Velos werden als Transportmittel für die Mitglieder der ENWDVA versteigert. Das heisst, die Velos werden nicht gratis abgegeben, sondern bezahlt. Zudem gibt es Velomechaniker, auch sie Kriegsversehrte, die Recycling-Velos kaufen und sie an die eritreische Bevölkerung wiederverkaufen. Die Nachfrage nach Velos ist in Eritrea riesig. Vor allem die Nachfrage nach besseren Schweizer Velos als jene, die auf dem Markt sind, ist gross, wie etwa chinesische oder koreanische Velos, die im gebirgigen Gebiet schnell auseinanderfallen. Die Schweizer Recycling-Velos, die sie vor Ort wieder zusammenbauen, sind einfach besser. Das wissen die Leute in Eritrea. Sie werden in allen fünf Landesregionen gefahren.

HEKS sorgt mit den Velos in Eritrea für Mobilität…
… und für Arbeit und Verdienst. Wir haben bei HEKS die Ergebnisse aus dem früheren Veloprojekt überprüft und festgestellt, dass einzelne Velounternehmer vom Verkauf und der Reparatur der Velos leben können. Es reicht, um eine Kleinfamilie durchzubringen. HEKS kann diese Kleingewerbe jetzt mit neuem Material weiter fördern, den Verkauf von Velos initiieren. Es entsteht damit wieder Bedarf für Reparaturen und auch für Ersatzteile. Das belebt den Markt.

Sind die Strassen gut befahrbar?
Für Velos ja. Es hat wenig asphaltierte Strassen. Der Hauptteil der Bevölkerung fährt auf Feldwegen mit den bekannten Schlaglöchern. In der Regenzeit werden die Strassen teilweise fast unbefahrbar. Man kommt mit den Velos zwar noch durch, aber muss sie häufig stossen. Deshalb braucht es gute Velos. Die Leute lassen Motorräder und Autos stehen, weil sie kein Geld für teures Benzin haben. Das Velo ist ein Statussymbol. Das stammt aus der Kolonialzeit, als die Italiener im Land waren.

Heute fahren junge Leute genauso Velo wie die älteren, ebenso Mädchen und Frauen. Oder Behinderte. Leute mit Beinamputationen oder mit Querschnittslähmungen fahren häufig auf umgebauten Dreirädern. Bis 1991 war praktisch jeder Erwachsene, der im Land geblieben ist, im Krieg. Es gibt viele Menschen mit Behinderungen.

Wir freuen uns deshalb über die Pläne von Gump- & Drahtesel, nicht nur Velos zu exportieren, sondern auch den Bau von solchen Dreirädern, so genannten Voiturettes aus Recycling-Velos und neuen Materialien zu initiieren. Wir warten gespannt auf den ersten Prototypen und die Pläne, um das Projekt unseren Partnern in Eritrea anbieten zu können.

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