David Heubi lebt in Burkina Faso. Er leitet dort gebana afrique, eine Tochter-GmbH der Schweizer Traditionsorganisation für fairen Handel gleichen Namens. Gebana arbeitet in Afrika mit verschiedenen Bauerngenossenschaften zusammen. Die Kleinbauern bauen unter anderem Mango und Cashew-Nüsse an. Als Teil ihrer Fairtrade-Prämie werden sie aus der Schweiz mit Recycling-Velos von Gump- & Drahtesel und «Velos für Afrika» beliefert. Matthias Maurer betreut im Gump- & Drahtesel das Projekt «Velos für Afrika». Er hat Ende August 2008 auf einer Medienreise von Gebana Burkina Faso und David Heubi besucht.
gump!: Welche Bedeutung hat das Velo in Burkina Faso, Matthias Maurer?
Matthias Maurer: Fahrradfahren ist in Burkina Faso eine der wenigen Möglichkeiten, wie sich die Bevölkerung schnell und kostengünstig fortbewegen kann. Überall auf den Strassen trifft man auf Frauen, Männer und Kinder auf Fahrrädern: Alleine oder zu zweit, häufig auch mit zum Teil unglaublichen Mengen an Waren auf dem verstärkten Gepäckträger. Ich selber vermisste quasi von der ersten Minute an mein eigenes Velo: Das Land ist fast wie kein zweites ein Veloland: Flache, gute und geteerte Strassen zwischen den Städten mit wenig motorisiertem Verkehr; in den Morgen- und Abendstunden angenehme Temperaturen – in der Mittagszeit empfiehlt sich eher eine Pause am Schatten bei Temperaturen bis zu 44°C und hoher Luftfeuchtigkeit während der Regenzeit – sowie eben eine unglaubliche Menge an Fahrrad fahrenden Menschen. Wer kein Fahrrad hat, ist zu Fuss unterwegs oder auf öffentliche Transportmittel wie Überlandbusse oder Taxis angewiesen.
Aber es gibt auch Töffs und Autos?
Ja, es gibt auch unglaublich viele Roller und Autos – aber dies nur in Städten und ein wenig drum herum. Gerade durch Importe von chinesischer Billigware wird der Roller auch für die Jungen eher erschwinglich, zum Glück aus Sicht der Velofahrer sind aber die Preise für Treibstoffe hoch. Bei den Autos ist mir aufgefallen, dass gerade Entwicklungshelfer jeglicher Couleur stets daran zu erkennen sind, dass sie mit riesigen SUV unterwegs sind – auch wir wurden in solche Vehikel gesteckt. Auf der anderen Seite sieht man auf den Strassen Autos, die hier längstens auf dem Schrott gelandet wären: Vollbeladen mit Waren und Menschen tun sie ihren Dienst, so lange sie können.
Und neue, schicke Velos?
Wie bei den Rollern: Chinesische Billigware, welche auf dem Markt angeboten wird. Sieht – solange sie neu ist – auch schön und ansprechend aus, die Qualität ist aber nicht über alle Zweifel erhaben. Es gibt auch afrikanische Velos: Diese sind sehr häufig auf den Strassen anzutreffen, und scheinen ihren Dienst recht zuverlässig zu verrichten.
Wie werden die «Velos für Afrika» gebraucht? Welche Strecken in km? Sind sie auch Transportvehikel für Waren oder nur für Personen? Wer bekommt sie warum zu welchem Preis?
In Burkina Faso werden die «Velos für Afrika» des Gump- & Drahtesels vom Geschäftsleiter von gebana afrique importiert und vertrieben. David Heubi betreibt einen regen Handel mit getrockneten Mangos und zunehmend auch mit Cashew-Nüssen von Burkina Faso nach Europa; die 500 Velos im 2007 und die 350 Velos 2008 werden den Kooperativen von Mango-Bauern im Rahmen der Fairtrade-Prämie angeboten und gerne angenommen. Ein fahrbereites Schweizer Recycling-Fahrrad kostet die Kooperative umgerechnet 60 Franken, davon machen alleine die Transportkosten von der Schweiz an den afrikanischen Hafen Abidjan oder Lomé sowie der Transport vom Hafen nach Burkina Faso je einen Viertel aus. Ein weiterer Drittel sind Zollkosten. Gebraucht werden die Fahrräder dann für den Weg zu den Mangobäumen auf die Felder, und natürlich für andere Fahrten und Besorgungen wie Schulbesuch der Kinder, Einkauf auf dem Markt oder Besuche.
Wer repariert die Velos?
Le mécanicien, c’est celui qui a la clé du dépôt des vélos, erfahre ich bei einem Besuch einer Kooperative. Und genau so ist es: Der Schlüsselverwalter nennt sich Mechaniker, hat aber leider mit der Mechanik eines Velos nicht viel am Hut. Somit ist der neue Besitzer auf seine eigene Reparaturgabe angewiesen. Daher wohl sieht man viele Velos mit nur einem funktionstüchtigen Gang in Betrieb, auch die Bremsen entsprechen selten unseren Vorstellungen, Licht ist in der Dunkelheit eine absolute Seltenheit am Velo. Fast an jeder Strassenecke in der Stadt und auch auf dem Land sind die lokalen Reparaturwerkstätten zu finden, welche sich aus unserer Sicht vor allem durch grosse Improvisationsgabe und Ideenreichtum auszeichnen: Angesichts des Mangels an passendem Ersatzmaterial ja nicht erstaunlich und somit gut an die lokalen Gegebenheiten angepasst.
Gibt es Typen, die mehr gefragt sind, Dreigang, Mehrgang, grosser Gepäckträger?
Hauptsache, es fährt! Klar sind bei den jungen Burkinabés Mountainbikes beliebter, wollen Frauen Damenräder und Kinder können auf Rädern ihrer Körpergrösse entsprechend besser fahren. Bei beschränkten finanziellen Mitteln entscheidet aber oft das Angebot, auch wenn es ebenfalls eingeschränkt ist, über die Wahl.
Häufig werden die Fahrräder von den lokalen Mechanikern mit stabilen Gepäckträgern aus Armierungseisen versehen; da wird sicher jedes europäische Modell früher den Geist aufgeben...
Fahren auch Frauen Velo?
in den beiden Dörfern Niangoloko und Bérégadougou im Südwesten von Burkina Faso, wo wir Produktionskooperativen besuchten, konnte ich Frauen und Männer jeden Alters auf Fahrrädern beobachten. Von anderen Gegenden des Landes oder auch von anderen Ländern Afrikas berichten lokale Vertreter aber immer wieder, dass Frauen auf Fahrrädern ein seltener Anblick seien.
Wie ist David Heubi auf Velos für Afrika gekommen?
Berichtet hat er von seiner Rekrutenschule bei den Radfahrern, und dass die Idee, die Container auf dem Weg in den Süden mit Fahrrädern zu füllen, natürlich sehr verlockend und einleuchtend sei. Echte Handelsbeziehungen können nur aufgebaut und nachhaltig gestaltet werden, wenn die Handelsbrücke vom Süden in den Norden keine Einbahnstrasse ist!
Was produzieren «seine» Bauern für gebana?
Im Jahr 2007 wurden 403 t getrocknete Mangos und 53 t geschälte, ganze Cashew-Nüsse in zertifizierter Bio- und Fairtradequalität von David Heubi auf den europäischen Markt geliefert und von gebana Holland in Europa verkauft. Die Produkte für den Schweizer Markt sind zum Beispiel unter gebana.com erhältlich.
Was ist das spezielle an der Arbeit von gebana/David Heubi?
Für einen einzelnen afrikanischen Bauern ist ein Auftritt am europäischen Markt unmöglich, für eine Kooperative immer noch sehr schwierig. Erst die Bio- und Fairtrade-Zertifizierung ermöglicht den Handel mit den reichen Märkten im Norden. Und hier ist ein Vertreter vor Ort, wie dies David Heubi ja für beide Seiten ist, ein unverzichtbar wichtiges Bindeglied. Zudem ist er mit seiner umtriebigen Art auch immer wieder sowohl auf der Suche nach weiteren Produzenten wie auch nach weiteren, anderen, neuen Produkten. Beides erfordert neben landwirtschaftlichem Wissen und Erfahrung auch Ausdauer in der Zusammenarbeit mit den Vertretern der Kooperativen vor Ort. Gerade bei der Zertifizierung entsteht ein enormer Arbeitsaufwand, welcher sich erst im folgenden Jahr bei der Auszahlung der Fairtrade-Prämie finanziell lohnt...
Eindrückliches Erlebnis in den wenigen vier Tagen?
Velos, Velos, Velos: Wenn ich jetzt auf dem Arbeitsweg mit dem Fahrrad an Kolonnen von Autos vorbeifahre oder überholt werde, wünsche ich mir manchmal die eigentlich umgekehrten Verhältnisse von Burkina Faso zurück... Dass da auch sozialromantische Verblendung mitschwingt, ist mir klar; ebenso die Tatsache, dass sich natürlich viele der Velofahrer in Burkina Faso eigentlich lieber ein motorisiertes Fahrzeug wünschen... Und trotzdem nehme ich vor allem die Überzeugung mit ins Liebefeld, dass mit «Velos für Afrika» ein kleiner, aber wichtiger und richtiger Schritt für eine sozialere, nachhaltigere, gerechtere Welt getan werden kann!
Wieviele Velos kann David Heubi in Zukunft gebrauchen?
David will jedes Jahr 2000 bis 3000 Velos! Das bedeutet alle zwei Monate einen gefüllten Container... Bis wir das – neben den anderen Partnern in Afrika, welche ebenfalls bedient werden wollen – zur gegenseitigen Zufriedenheit abwickeln können, sind noch einige Schritte bei der quantitativen Steigerung wie bei der Qualitätssicherung nötig.
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