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Wendige Vehikel aus alten Velorahmen

Körperlich behinderte Menschen benutzen in Teilen Afrikas heute schon so genannte Voiturettes – dreirädrige Transportmittel mit Handbetrieb. Gump- & Drahtesel entwickelt in Liebefeld für «Velos für Afrika» neue Prototypen für die Voiturettes-Produktion im Süden. Die Fahrzeuge aus alten Veloteilen sollen bald schon in Afrika als Kleinserien in Ghana oder Eritrea produziert und von Behinderten im Süden genutzt werden.

Konstrukteur Jürg Krebs hat gut recherchiert. Er kennt den schwarzen Kontinent von früheren Reisen. Zum Jahreswechsel reiste er trotzdem einen Monat lang von Ghana über Burkina Faso bis an die Elfenbeinküste. Immer und überall auf der Suche nach Werkstätten, die heute schon dreirädrige Fahrzeuge für Menschen mit Behinderungen in Afrika herstellen, und nach den Bedürfnissen der Direktbetroffenen. Denn die Konstruktion und Produktion von so genannten Voiturettes hat in Teilen von Schwarzafrika Tradition. Der wollte Jürg Krebs trotz oder gerade wegen einem neuen Auftrag minutiös nachgehen. Ende Jahr hatte er nämlich in den Recycling-Werkstätten Gump- & Drahtesel als freier Entwickler eines Prototyps ebensolcher Vehikel angeheuert. Er weiss nur zu gut: «Die Afrikaner produzieren seit der Kolonialzeit Voiturettes in verschiedensten Typen und Bauweisen. Solche Erfahrungen aus 40 Jahren kann ich als Ingenieur und Konstrukteur am Computer nicht einfach wettmachen, vor allem nicht, weil ich ja aus einer ganz anderen Welt komme. Also wollte ich direkt vor Ort recherchieren, um diese beiden Welten so optimal wie möglich zusammenzuführen.»

Wichtige Mängelliste
Dabei habe er verschiedenste Schwachpunkte gesehen, die oft leicht, manchmal erst nach intensiver Denkarbeit auszumerzen seien. Noch auf der Reise hat Krebs notiert, was ihm speziell auffiel: «Bei vielen Modellen stimmt der Nachlauf des Vorderrades nicht, die Lenkung wird dadurch unstabil. Viele Modelle haben eine strenge Übersetzung, manche sind schwer und träge.» Er sah gerissene Speichen und Naben bei Hinterrädern, eine starke Abnützung der Pneus als Folge der hohen Seitenkräfte in der Kurve und die ungelöste Problematik der Kettenspannung. Krebs ist überzeugt: «Wenn die Afrikaner Voiturettes nach neuen Plänen bauen sollen, müssen wir ihnen neue Lösungen und Zusatznutzen anbieten. Gelingt uns das, werden sie es auch mit Begeisterung aufnehmen und umsetzen.»

Recycling-Voiturette
Zurück in der Schweiz besann sich Krebs denn auch umgehend auf den Urauftrag aus Liebefeld, ein Gefährt zu erdenken, das mit möglichst vielen alten Veloteilen gebaut werden kann. Eine Voiturette basierend auf alten Velorahmen. «Das gibt es so in Afrika noch nicht, soweit ich es recherchieren konnte. Es ist eine Bauweise, auf die sich nicht gleich jeder einzulassen wagt, weil sie in der Fertigung eine gewisse Präzision braucht. Man muss die Rohre beispielsweise sauber und präzise schneiden. Aber es macht Sinn, in einem Veloland, wo auch Veloschrott anfällt, diesen Schrott als primären Konstruktionswerkstoff einzusetzen.» Er ist überzeugt, dass dazu nicht nur Veloteile aus der Schweiz gebraucht werden können. Bald einmal wird in den afrikanischen Veloländern selbst Veloalteisen anfallen, auch wenn dort ein Drahtesel länger geritten wird als bei uns.

Stolz und Sturz
Jürg Krebs ist sichtlich stolz auf seinen ersten Prototyp. Düst er mit ihm zu ersten Probe- und Belastungsfahrten durch die Stadt, ist ihm die Aufmerksamkeit am Strassenrand sicher. Besonders amüsieren ihn die strengen Blicke der Uniformierten, die ab und zu einen leichten Stich ins Freundliche bekommen, wenn er an ihnen vorbeizieht. Der Konstrukteur liebt auch jede Frage zu seiner Arbeit, fachsimpelt sofort mit Begeisterung: «Der Hinterbau  ist als Rollstuhl geeignet, er lässt sich in Zukunft auch modular aufbauen. Der Stuhl steht in zwei alten Velorahmen, rechts und links, die Achse ist in den ursprünglichen Tretlagerpositionen eingeschweisst. Es ist eine gerade Radstellung möglich, aber auch eine mit Sturz, also schräg gestellten Rädern, um unter anderem die Belastung der Speichen in den Kurven zu verringern.» Als Antrieb hat er eine eher komplizierte aber höchst effiziente  Doppelfreilaufvariante entwickelt. «Selbstverständlich kann der Antriebs- und Lenkteil aber auch so gebaut werden, wie bei den gängigen Voiturettes.»

Bolzen x vier
90 Prozent des verbauten Materials sind alte Velorahmen und Veloteile. Einzig die Hinterradachse und –nabe, sowie der Freilaufadapter wurden speziell und neu gefertigt. Eine Produktion, die durchaus auch in Afrika gemacht werden kann. Krebs will den Produzenten im Süden auch hier gefertigte Lehren zur Verfügung stellen. «So können sie die Rahmen auch ohne Konstruktionswerktisch zur Verarbeitung gut einspannen und sauber zusammenschweissen.» Bei seinen eigenen Arbeiten am Prototypen genoss Krebs die fachmännische Hilfe von Fäbu von Büren. Der gelernte Metallbauschlosser arbeitete bis Anfang April als Zivildienstleistender in den Werkstätten von Gump- & Drahtesel.
Die gängigen Voiturette-Modelle fahren in Afrika mit einem Gang. Konstrukteur Krebs hat für seinen ersten Prototypen ein etwas anspruchsvolleres Antriebssystem entwickelt, wo die Gänge respektive das Hebelverhältnis stufenlose eingestellt werden kann. Das ganze kann bei der nächste Version sinnvoll vereinfacht werden: «So einfach halt, dass es Afrikaner, die sich anders als wir gewohnt sind, eher gemächlich und in einem Gang zu fahren, auch nutzen. Stufenlos muss nicht sein. Wir können es auch mit einem einfachen Bolzen lösen, den man je nach Bedarf umstecken kann. So brauche ich weniger anfällige Einzelteile. Das Gänge bleiben dann auch ohne Wartung robust.»